Die
Anfänge - erste Kampftechniken
Kampftechniken existieren schon seit vielen tausend Jahren. Waren
die Bewegungen anfänglich noch ungeordnet und plump, entwickelten
die ersten Völker bald bestimmte, effektive Kampftechniken,
um im Kampf Mann gegen Mann dem Gegner überlegen zu sein und
diese Techniken auch im Kriegsfall anwenden zu können. Hierzu
zählte unter anderem der Kampf mit dem Schwert und anderen
Waffen, aber auch Schlag- und Tritttechniken.
Die fortschrittlichsten Kampfkünste im Mittelalter wurden von
den europäischen Landsknechten und den japanischen Samurai
entwickelt. Sie waren ausgelegt auf eine Verbindung von Kraft, Ausnutzung
von Hebeltechniken und dem gezielten Angriff auf Schwachstellen
des menschlichen Körpers. Diese Techniken dienten den Kriegern
ebenfalls hauptsächlich im Kampf auf dem Schlachtfeld, wurden
aber auch zuweil bei Schlägereien angewandt, was diese Kampfkünste sehr stark in Verruf brachte.
Während die Techniken der Landsknechte bald ausstarben, überlebte die Tradition der Samurai die Jahrhunderte, und sie wurde im Laufe der Zeit zur bedeutendsten Selbstverteidigungskunst an den japanischen Kaiserhöfen. Ab dem 16. Jahrhundert wurden für sie besondere Schulen errichtet, und alle großen japanischen Krieger wurden damals in dieser Kampfkunst ausgebildet.
Bis heute versteht man unter einem Samurai einen Krieger, der sich
sehr geschickt zu bewegen weiß, mit verschiedenen Waffen kämpfen kann und der seinen Gegnern im Kampf fast immer überlegen ist.
Ende des 18. Jahrunhunderts begann der Japaner Jigoro Kano, auf den Tipp
seines deutschen Lehrers Geheimrat Bälz von Bietigheim hin,
sich intensiv mit alten Kampfkünsten zu beschäftigen.
Ihn störte jedoch, dass jeder Kampfsport darauf ausgelegt war,
den Gegner mittels roher Gewalt zu besiegen und ihn im Ernstfall
auch zu Töten. Dies bewog Kano dazu, verschiedene Techniken
unterschiedlichster Kampfsportarten miteinander zu kombinieren und
daraus ein eigenes Zweikampfsystem zu schaffen, das ohne gesundheitsgefährdende Techniken auskommen sollte. Diese neue, von ihm entwickelte Kampfsportart nannte er JUDO.
Als Ziel einer Judo-Ausbildung hatte Jigoro Kano 3 Leitideen im
Auge:
1. Judo als Kampfsport
Grundlage des Judo sind die alten Künste der Samurai, des Ju-Jitsu
(Selbstverteidigungskunst) und andere Kampfsportarten wie u.a. auch
das Ringen. Jedoch fehlen die Techniken, mit denen der Tod oder
eine schwere Verletzung des Gegners bewirkt werden können oder
vom Kämpfer nicht in jeder Phase kontrolliert werden können
(wie z.B. ein Fußtritt). Solche Techniken werden insbesondere
in der Judo-Schwesterkategorie KARATE praktiziert.
Das Ziel beim Judo ist vielmehr, den Gegner zu besiegen oder auszuschalten, ohne ihn zu verletzen.
Der Kampfsport-Aspekt des heutigen Judo, das in Sportvereinen ausgeübt wird, beruht auf 2 Grundsätzen:
a) dem Zweikampf auf der Matte
Der Gegner soll im fairen Zweikampf auf einer gepolsterten Judomatte
besiegt werden, ohne ihn zu verletzen. Dies soll ohne übertriebene
Gewalt, jedoch durch überlegtes Handeln und Ausnutzen von physikalischen Gesetzen geschehen. Wenn man absichtlich die eigene Gesundheit oder die Gesundheit des Gegners riskiert, wird man vom Wettbewerb disqualifiziert.
b) der Verteidigung in Notsituationen
Durch das langjährige Studium lernt man, in Konfliktsituationen
besonnener zu reagieren und sich im Ernstfall auch durch bestimmte
Techniken wirksam zu verteigen. Dies ist allerdings nicht der Hauptaspekt
des Judo!
2. Judo als Philosophie
Der Hauptaspekt, auf den im Judo am meisten Wert gelegt wird, ist
die Erziehung nach dem "Prinzip vom gegenseitigen Helfen und
Verstehen". Dies bedeutet zunächst einmal, dass es auf
der Judomatte keine "Gegner" gibt, sondern lediglich "Partner", die zur eigenen Weiterentwicklung beitragen und deren Weiterentwicklung man selbst fördert. Man unterstützt sich also gegenseitig bei der Ausübung von Techniken und Übungen, so dass beide davon profitieren können. Dieser Gedanke des gegenseitigen
Helfens zählt für einen Judoka jedoch nicht nur auf der
Judomatte, sondern auch außerhalb des Trainings ("Ein
Judoka hört nie auf Judo zu praktizieren, auch nicht wenn er
den Dojo verlässt.").
3. Judo als Leibesertüchtigung
Judo ist nicht zuletzt auch ein Sport, der die Gesundheit fördert.
Im Gegensetz zur allgemeinen Meinung, dass beim Judo wie bei allen
Kampfsportarten die Verletzungsgefahr sehr hoch ist, ist es jedoch
so, dass durch gezieltes und ordentliches Judotraining sämtliche
Muskeln des Körpers, die Gelenke und sogar die Organe trainiert
werden. Durch die von Jigoro Kano entwickelten runden Bewegungen
wird der Körper geschont und vor Verletzungen bewahrt.
Außerdem erlernt man durch Judo, seine eigene Bewegungsfähigkeit zu steigern, eine verbesserte Kontrolle über seine Bewegungen zu erlangen und ein optimiertes Körper- und Bewegungsgefühl zu entwickeln.
Gerade aufgrund der schonenden Bewegungungen und der positiven Auswirkungen
auf den gesamten Körper ist Judo ein Sport für alle Altersklassen.
Inhalt nach Wolfgang Hofmann: 'Judo. Grundlagen des Stand- und Bodenkampfes.' Überarbeitete Auflage. Niedernhausen / Ts., 1973/85.